Wanderungen einer jungen Seele

Geschichten - Texte aus eigener Feder

Wanderungen einer jungen Seele

Einst zog ein junger Wandersmann in die Welt hinaus. Er hatte es zu Hause sehr beschwerlich, und beschloss sein Glück in der Welt zu suchen. Als es nun Abend wurde, der volle Mond bereits am Himmel stand und die Sonne sich verabschiedete, kam er an einen Waldrand und er dachte sich:

“Au fein! Hier werde ich mein Lager für die Nacht aufschlagen!”
Und er begann. Er stellte sein Zelt auf, richtete sich für die Nacht ein und tat all das, was beim Schlafen in der Wildnis empfehlenswert ist.

So ging denn nun in den Wald hinein, um Feuerholz zu suchen. Und er hörte eine zarte Stimme:

“Hilf mir! Hilf mir!”

Er folgte der Stimme, die er nicht so recht einordnen konnte. War es ein Knabe, der sich verlaufen hatte? Eine junge Maid in Gefahr? Es war ihm egal, seine Hilfe ward gebraucht. Die Angst, die ihn ihm hoch schlich traf auf Tapferkeit und Entschlossenheit und er ging tiefer in den Wald, um der Stimme zu folgen.

Dunkler und dunkler wurde es um ihn. Das Grün um ihn wurde kühler, verwandelte sich in Schatten, aber dennoch: Die Stimme bat immer noch um Hilfe! Sie wurde nicht leiser, sie wurde nicht lauter.Und die Richtung war eindeutig, so ging er denn weiter. Immer der Stimme nach.Als er denn nun an einer Lichtung ankam, blickte er auf einen Teich, in dem sich abertausende von Sternen widerspiegelten und sein Herz sprach:

“Was für ein Anblick! Allein dafür lohnte es sich, aufzubrechen!”

Er machte einen Schritt zum Teich und hörte abermals die Stimme

“Hilf mir! Hilf mir!”

Doch diesmal, konnte er keine Richtung erkennen, denn die Stimme kam von überall, schallte von allen Seiten zu ihm.
Und dann war es still.

Verwirrt und traurig fand er keine Kraft mehr, um zu seinem nächtlichen Ruheplatz zurückzukehren. So legte er sich auf den moosigen Waldboden und ruhte, bis die Sonne ihn wieder wach küsste.

Er öffnete seine Augen und sah die Sonne bereits hoch am Himmel stehen. All die Sterne waren verschwunden, und auch das volle Antlitz des Mondes. Er wunderte sich, ob seiner Trauer.

“Ist denn nicht die Tageszeit die Zeit der Aktivität?
Ist denn nicht die Tageszeit die Zeit, in der wir aktiv sind?”

Sprach er's vor sich hin, wusch sein Gesicht und trank einen Schluck vom Teich. Er folgte dem Weg, den er die letzte Nacht gegangen war, zurück zu seinem Zelt. Doch was er dort fand, erschreckte ihn.
All sein Hab und Gut waren niedergetrampelt und unbrauchbar. Er besaß nur noch, was er am Leibe trug. Erstaunt, dass er darüber garnicht so traurig war, stellte er fest

“Nun denn, ich bin noch wohlgenährt und auf den Beinen.
Ich habe eine Nacht ohne Zelt geschlafen, ich werde wieder ohne Zelt schlafen.”

Sprach's und ging den Weg weiter, am Wald entlang. Alsbald kam er an ein Dorf. Er trat auf den Marktplatz und schaute sich um.

“Hier gibt es sicherlich Gelegenheit mir etwas Brot zu verdienen.”

Er sprach mit Händlern, mit Bauern, mit Handwerkern. Niemand wollte ihn, sie schauten ihn auch recht merkwürdig an.

“Was soll das nur? Ich zog hinaus um die Welt kennen zu lernen, ich sah
einen wunderschönen Teich, so ruhig, dass die Sterne darauf zu sehen
waren, als wollten sie eine Geschichte erzählen! Ach, was hab ich nur
verbrochen, dass meinesgleichen mich nicht mithelfen lässt?!”

Er dachte dies und jammerte. Mit dem Jammern kam die Trauer.

“Und mein Zelt, meine Vorräte! Auch das habe ich verloren...
war der Anblick der Natur all das wert?”

Er dachte dies und jammerte. Mit dem Jammern kamen die Zweifel.

“Hätte ich nicht doch zu Hause bleiben sollen? Was soll all das!
Ich bin noch keine Woche von meinem Heim entfernt
und schon hat mich solches Unglück befallen!”

Er dachte dies und jammerte. Mit dem Jammern kam die Verzweiflung.
Und in der Verzweiflung sprach eine Stimme zu ihm.

“Du hast mir geholfen. Danke.”

Verwirrt schaute er sich um, doch wusste er nicht, wonach er schaute. So sah er nur die Leute auf dem Marktplatz und trocknete seine Tränen.
Er hörte die Stimme wieder, es war die sanfte Stimme der letzten Nacht.

“Ich danke dir” sagte sie.

Da sah er hinter sich ein Mädchen, gar nicht alt.

“Ich danke dir” sprach sie zu ihm.

Er antwortete :

“Wofür dankst du mir? Ich vernahm deine Stimme und wollte helfen.
Als ich am Teich ankam, war niemand da.
Ich habe niemandem geholfen,
ich verdiene also auch keinen Dank.”

Sie sah zu ihm hoch, und in ihrem Blick lag etwas, das er nicht zuordnen konnte. Etwas, das er bei keinem Kind bisher gesehen hatte.

“Du hast mir geholfen, und dafür gebührt dir mein Dank. Nimmst du ihn an?”

“Ich weiß nicht, was ich getan habe, um Dank zu verdienen. Deshalb kann ich ihn nicht annehmen. Dennoch bitte ich dich. Kennst du hier jemanden, bei dem ich nächtigen kann? Und der mich nährt? Ich werde auch hart dafür arbeiten.”

Das kleine Mädchen fing an herzlich zu lächeln.

“Ja, ich kenne einen Ort, an dem du dir deinen Schutz und dein Brot erarbeiten kannst.”
“Und wo ist dieser Ort? Bitte sag es mir.”
“Nicht unter jenen, welche du als deinesgleichen wähnst.”

Verwirrt schaute er sich noch einmal die Menschen um ihn herum an. Sie gingen ihrem Tagewerk nach, hatten ihn vorhin nur beachtet, als er sich ihnen geradezu aufgedrängt hatte. Ihre Blicke streiften umher, schauten genau auf ihn, trafen ihn dennoch nicht.

Und da erkannte er: Das, was er in ihrem Blick sah, hatte er auch bei noch keinem Mann und keiner Frau gesehen.

“Wer bist du?” fragte er, doch das Mädchen ward schon nicht mehr gesehen.

Fragen drängten sich in seinen Kopf. Fragen, die bereits mit Antworten verbunden waren. Fragen, die seine Zweifel, seinen Kummer und seine Verwirrung aus den Gedanken schoben.

“Dies ward bisher ein Tag der Trauer,
doch ich denke ich ziehe wieder aus.
Es gibt noch viel von der Welt zu sehen!”

Sprach's und ging zum Tore hinaus, weiter in die Welt zu ziehen.

Als er das Dorf nicht mehr hinter sich ausmachen konnte, verspürte er Hunger.
Und eine Frage schoss in seinen Kopf :

“Was soll ich nur essen?”


Und da offenbarte sich ihm die erste Antwort.
Sein Blick traf einen Apfelbaum, von dem er dankbar soviel pflückte, um nicht zu verhungern.
Er neigte seinen Kopf vor dem Apfelbaum und sprach

“Danke.”

So ging er denn wieder weiter.
Als der Abend kam, ward er noch nicht müde gelaufen.
So ging er denn weiter.
Als der Abend, sich zur Nacht wandelte, ward er noch nicht müde gelaufen.
So ging er denn weiter.
Als die Nacht vom ersten Sonnenlicht durchbrochen wurde, ward er denn auch müde gelaufen.
Und eine Frage schoss in seinen Kopf

“Wo soll ich nur schlafen?”

Und da offenbarte sich ihm die zweite Antwort. Sein Blick traf einen sehr alten und dicken Baum, mit Moos auf den dicken ästen.
Geschwind kletterte er hoch, machte es sich auf einem besonders breiten Ausläufer bequem und schlief ein.

Er wusste nicht, wie lang er schlief, doch als er erwachte, war die Sonne noch hoch am Himmel zu sehen, und er war erfrischt. So zog er weiter, sammelte die Gaben der Natur, um sich zu nähren. Nutzte die Geschenke der Natur, um zu ruhen. Die Tage und Nächte schlichen vorbei, und er fühlte sich gesünder und besser denn je.
Als nun die Nacht kam, in der der Mond nicht sichtbar ist, fühlte er sich unwohl. Seine Kraft zum reisen fehlte und er suchte einen Platz zum Ruhen. Doch fand er keinen, und so zog er weiter, bis er zu einem weiteren Dorf kam. Das Tor war zu gesperrt, die Wachen blickten ihn erschrocken an.

“Bitte, bitte. Ich bin ein Wanderer und begehre nur Lager für die Nacht.”
Lanzen stellten sich ihm in den Weg.
“Wie ein Wandersmann seht ihr nicht aus. Zieht von dannen!”

Er blickte in ihren Augen, und er sah Angst. Und hinter der Angst waren die Augen leer. Traurig zog er fort und als er auch dieses Dorf hinter sich gelassen hatte, fiel er auf die Knie.

“Oh große Göttin! Ohne das Licht deines Antlitzes sehe ich nicht! Habe ich keine Kraft! Bin ich verloren!”

Und er hörte wieder die Stimme:

“Du zeigtest mir gegenüber Wohlwollen. Du zeigtest mir gegenüber
Bescheidenheit. Indem du meine Dankbarkeit ablehntest, sei ihr gewiss,
solange mein Licht auf dich scheint. Doch diese eine Nacht - wie noch
viele Nächte danach - wirst du ohne mich gehen, weil du es kannst.”

Und der junge Mann, der sich eben verlassen fühlte, gewann neue Kraft. Er zog weiter, diesmal nicht nur stur nach vorn, sondern wohin seine Sinne ihn führten. Er ging über Stock und Stein. Er achtete jeden Schritt und genoss die Schatten, die um ihn flossen.

Er dachte :
“Dies ist meine Nacht.
Dies alles bin ich.
Dies ist, was ich daraus mache.”

Er dachte es. Und er sprach es.
Mit jedem Wort erschien ein Baum in seinem Blickfeld und er ging etwas schneller.
Er sprach zu den Bäumen :

“Ich bitte euch um ein Zuhause, denn nirgendwo
habe ich einen Mensch gesehen,
der mir dies bieten konnte.”

Ein Pfad tat sich auf.
Er blickte den Pfad entlang und seine Schritte folgten seinem Blick. Kurz darauf war er nur noch von Schatten umgeben, in die er sprach

“Ihr seid meine Schatten, ihr seid nur, was in mir ist.”

Und die Schatten taten sich auf und offenbarten eine Höhle. Er trat ein und folgte den wirren Gängen, als ob er wüsste wohin dieses Labyrinth ihn führen wird. Als er im Herzen angekommen war, wagte er kaum seinen Augen zu trauen.

Vor ihm lag ein riesiger, geschuppter Kopf, aus dem ihm ein Auge entgegen blickte.
Er öffnete seinen Mund um zu reden, doch verließen keine Worte seine Lippen.
Der Kopf erhob sich und schaute liebevoll zu ihm herunter.

 

“Ich weiß wer du bist. Ich weiß was du bist.
Ich weiß weshalb du gekommen bist.
Ich kenne deine Fragen und bin die Antwort.
Meine Zeit hier ist vorbei,
mögest du mehr Erfolg haben, Taliesin.”



Der Drache sprach's und ward verschwunden.
Einzig und allein ein kleiner, grüner Stein verblieb in der Mitte der Höhle.

-- von Killian am 14. Mai 2009